Kris und Bruno Duhamel
Autor und Zeichner DIE ZEITBRIGADE

Die Zeitbrigade

Und wenn Christoph Kolumbus in dem Augenblick gestorben wäre, als er gerade die Neue Welt entdeckte, was wäre aus der Menschheit geworden? Eine aufflammende Zivilisation, oder, im Gegenteil, dem Verfall anheim gefallen und kurz vor dem Aussterben? Es sind diese Art kniffliger Probleme, die die Agentur Ukronia lösen muss, die damit beauftragt ist, die historischen Abweichungen zu korrigieren, die von kleinen Schlaubergern, besser bekannt unter dem Namen "Manipulatoren", verursacht werden. Dafür beschäftigt Ukronia Spezialagenten, die in der richtigen Epoche direkt an Ort und Stelle geschickt werden, um dort zu versuchen, die Risse zu stopfen. Kallaghan und Montcalm sind die Helden einer neuen Serie von Kris und Duhamel. von denen beim frz. Verlag Dupuis mittlerweile die ersten beiden Bände erschienen sind. Die Zeitbrigaden, die ganz im Zeichen des Humors stehen, legen einen Blitzstart in einer Tonlage hin, die man von den beiden Autoren nicht unbedingt erwartet hätte. Die Gelegenheit für ein Interview war gerade günstig.

Interview mit Kris und Bruno Duhamel

"Wir beschützen die Geschichte am besten… oder gar nicht."

Warum habt ihr den ursprünglichen Titel U.K.R.O.N.I.A wieder aufgegeben?

Kris: Ich hatte Zeit genug, mich an diesen Titel zu gewöhnen, da dieses Projekt seinen Ursprung im Jahr… 2005 hat (ja, es hat viele Scherereien gegeben, die Übernahme von Dupuis, Wechsel beim Herausgeber und den Zeichnern, etc.) Ich fand es auch wichtig, das Wort "Uchronie" (Alternativweltgeschichte) zu verwenden , oder ein davon abgeleitetes Wort, um genau darauf hinzuweisen, um was es sich handelte: Nicht um Steampunk oder um eine Welt, die sich andeutungsweise aus unserer Geschichte ableitet, sondern darum, sich Abenteuer auszudenken, bei der der Verlauf der Geschichte auf eine "logische" Art und Weise ab einem bestimmten Punkt beginnt von unserer abzuweichen. Dazu ein Beispiel aus dem ersten Band: Kolumbus stirbt, als er in Amerika an Land geht. Was geschieht, wenn dieser Kontinent 1492 nicht von den Europäern entdeckt wird? Davon abgesehen… Zwischen 2005 und heute erschienen mehrere Serien, die die gleiche Vokabel verwenden. Uchronia (ich glaube nur ein einziger Band bei Bomboo, der in diesem Fall auch keine Alternativweltgeschichte ist, aber nun gut), "Uchronie(s)" von Corbeyran usw. Übrigens hat Fred Duval sich bei seiner Serie "Le Jour J" dazu entschieden, sich von dem reinen uchronischen Vokabular zu verabschieden und das ist bestimmt kein Zufall. Und als Krönung haben wir bemerkt, dass es auch ein Videospiel mit dem Namen "Ukronia" gibt, was uns beim Domännamen im Internet oder anderswo hätte Ärger bereiten können. Kurz, wir mussten ihn ändern.

Wir haben lange vergeblich versucht etwas passendes zu finden. Wir wussten, dass viele Titel bereits vergeben waren, insbesondere die, die in einem militärischen Zusammenhang stehen, wie La Patrouille du temps (Die Zeitpatrouille) zum Beispiel, die ich zu meiner Schande immer noch nicht gelesen habe. Nun wollte ich aber nach Möglichkeit diesen militärischen Anklang mit einbeziehen, weil es sich sehr wohl um einen Zeitkrieg zwischen den ukronischen Agenten und den Manipulatoren handelt (im Augenblick werden sie so genannt, weil man noch nichts über ihre Herkunft und ihre genauen Ziele weiß). Es ist sogar ein Kampf auf Leben und Tod, eine zu große Abweichung in der Geschichte droht, die künftige Zivilisation verschwinden zu lassen, zu der auch unsere Helden gehören. Damit nähert es sich zum Beispiel der Atmosphäre von Kampfstar Galaktika an, wo wir auch das Leben auf einem Raumschiff haben, die letzte Hoffnung der Menschheit, die einem erbarmungslosen Kampf ums Überleben ausgesetzt ist. Trotzdem möchte ich daran erinnern, dass ich dieses ganze Universum zwischen 2003 und 2005 aufgebaut habe. Zu dieser Zeit kannte ich diese TV-Serie natürlich überhaupt nicht. Aber seitdem ich sie gesehen habe, habe ich dort viele Dinge wiedergefunden, von denen ich träume, sie unterzubringen. Insbesondere das Alltagsleben an Bord der Agentur Ukronia, mit ihren Lieb- und Freundschaften, ihrem Missmut, dem Neid aber auch den internen Kämpfen um die politische Macht usw.

Das alles wird sich zwischen den Zeilen entwickeln, peu a peu, Episode nach Episode. Kurz gesagt ist man, als der erste Band der Serie im Magazin Spirou erschienen ist, mangels besserer Alternativen bei der "Zeitagentur U.K.R.O.N.I.A." geblieben. Aber beim Verlag Dupuis beharrte man darauf, dass es ein Risiko gäbe, das Album mit anderen Titeln zu verwechseln. Und plötzlich hatte jemand aus dem Verlag die Idee des Titels "Die Zeitbrigade", von der wir eigentlich dachten, sie schon geprüft zu haben… Aber letztendlich stimmte das nicht. Und dann haben wir uns gesagt, dass das auch die folgenden Vorzüge hätte: Eine Hommage an die Serie Tigre, die Assoziation an das Militärische, nach der ich suchte, ein Titel, der noch nie verwendet wurde usw…. Davon abgesehen werden wir das Logo der Agentur Ukronia beibehalten. Es wird auf dem vierten Cover erscheinen und vor allem in der Geschichte, weil die Agentur, zu der unsere Helden gehören, ihren Namen behalten wird. Schließlich ist das ein Titel, der mühelos und unmittelbar von der breiten Öffentlichkeit verstanden wird, im Gegensatz zur Uchronie, die nur einer Minderheit von Science Fiction Anhängern bekannt ist (Macht eine Blitzumfrage in eurem Umfeld und ihr werdet schon sehen). Daher die Titelwahl "die Zeitbrigade". Bei "1492, im Westen nichts Neues" (frz. Originaltitel), ist das natürlich eine Anspielung auf den Roman aber vor allem ist es ein zweischneidiger Titel: Ja, da Kolumbus die Nachricht seiner Entdeckung nicht nach Hause gebracht hat, gibt es immer noch "Im Westen nichts Neues". Außer, dass diese einfache Tatsache gerade genügt, ein enormes "Im Westen etwas Neues" Ding zu sein… Dieser Titel von mir stand daher von Anfang an, seit 2005, und ich hätte ihn um nichts auf der Welt geändert! (ich schon. Anm. des dt. Herausgebers)

Welchen Geist atmet diese Serie?

Kris: Sie ist zur Hälfte eine Parodie und mit historischen Anspielungen gespickt (militärische, kulturelle oder andere) und gleichzeitig auf Abenteuer ausgerichtet, mit einer anderen Art und Weise Geschichte zu entdecken. Auch hier muss man den Titel in Beziehung zum Cover setzen, welches trotzdem sehr dynamisch ist und Schiffe zeigt, die unter vollen Segeln in Richtung der Entdeckung von etwas fahren, während man im (französischen) Titel behauptet, dass es im Westen nichts Neues gäbe... Jedes Abenteuer wird sich über zwei Alben erstrecken: Im ersten Band jeder Geschichte wird der Augenblick systematisch in Szene gesetzt, an dem die Geschichte beginnt abzuweichen, die Entwicklung des Backgrounds, die Herausforderungen, die diese Abweichung mit sich bringt, usw. Das alles mit dem täglichen Leben im Schoße der Agentur gewürzt. Der zweite Band ist dann eher den Konsequenzen dieser Abweichung gewidmet (Ein Beispiel aus der ersten Geschichte: Die Azteken haben die Segelschifffahrt entdeckt, was werden sie daraus machen?...) und dem Rennen unserer Helden gegen die Uhr, um die Geschichte wieder auf den "rechten Weg" zurückzubringen, bevor es dafür zu spät ist…

Von "Die Zeitpatrouille" von Poul Anderson bis hin zu "Das Ende der Ewigkeit" von Isaac Asimov. Da sollte es an Quellen der Inspiration nicht gefehlt haben…

Kris: "Die Zeitpatrouille" hatte ich damals noch nicht gelesen, obwohl ich natürlich von ihrer Existenz wusste. Von Asimov habe ich wenig gelesen und auch nicht dieses Werk, aber ich merke es mir vor! In der Tat arbeite ich bereits eine ganze Weile an der Zeitbrigade (mindestens sieben Jahre wenn ich richtig gezählt habe und mich meine Erinnerung nicht täuscht), aber Gedanken darüber habe ich mir schon seit sehr langer Zeit gemacht. Und sehr schnell hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was ich daraus machen wollte, insbesondere was die "Theorien" bezüglich der Zeit und der Geschichte betrifft, die ich ausarbeiten wollte. Und während ich mitten in dieser kreativen Phase bin, das kommt einem jetzt vielleicht merkwürdig vor, aber ich weigere mich, etwas von alledem zu lesen, was meine Kollegen zu diesem Thema hätten schreiben können. Ganz einfach um zu vermeiden, das ich "hörig" gemacht werde (was bei diesem Thema schnell geschieht!). Ich kann massig wissenschaftliche Veröffentlichungen lesen aber keine Literatur. Zum Beispiel habe ich, seit ich mit "Notre Mère la Guerre" (unsere Mutter der Krieg) begonnen habe, nichts mehr von Tardi zu diesem Thema gelesen, nicht nur nicht seine Alben 1914, 1915 usw., sondern auch nicht mehr erneut "C'était la Guerre des Tranchées" (dt. Grabenkrieg, 2002 bei Edition Moderne). Und sobald ich ein "Jour J" von meinem Freund Fred Duval gesehen habe, bin ich schnell fortgelaufen! (Na ja, ich gebe zu, dass ich es schon gelesen habe, nur so aus Neugierde…) Um auf die anderen Werke über alternative Weltgeschichten zurückzukommen, natürlich hatte ich welche gelesen, sogar in meiner frühen Jugend ("Nimitz" zum Beispiel liebe ich heiß und innig oder "Die Maschine mit der man durch die Zeit reisen kann" aus der Sendung Dimanche Martin… Die ich seither nicht nochmals gesehen habe!). Aber als ich mit der Arbeit begonnen hatte, habe ich mit alledem aufgehört und mich mit meinen vagen Erinnerungen begnügt und insbesondere mit allem, was sie in meiner Vorstellungswelt zum blühen gebracht haben und was sich daraus dann entwickelt hat. Und glaubt mir, seit der ersten Geschichte, die ich mit sechs geschrieben hatte und die bereits eine Geschichte über eine Zeitmaschine war, hatte ich genügend Zeit, um einiges an Vorstellungen über die Zeit anzuhäufen… Aber auch hier war ich, auch wenn das jetzt erstaunlich klingen mag, überhaupt kein großer Leser von Romanen bis ich so um die 25 war (ich werde wohl nicht mehr als 10 gelesen haben…). Und in Comics kam eine Uchronie sehr selten vor, abgesehen von den Alben der Serie Valerian und Veronique oder einigen Episoden in der einen oder anderen Serie. Kurz gesagt, habe ich einiges aufzuholen, wenn ich auch von Valerian und Veronique und ebenso von Poul Anderson beeinflusst worden bin. Jetzt hingegen, wo mein Universum steht, habe ich keinen Grund mehr, es mir zu versagen, ganz im Gegenteil. Denn selbst wenn ich heute beim Lesen auf Ideen stoße, die ich "aufgreife", müssen sie sich doch sehr genau in das Raster einfügen, das ich mir ausgedacht habe. Ob ich also nun, ohne es zu wissen, dem gleichen Gedankengang wie einige andere Autoren vor mir gefolgt bin oder ob ich ihre Ideen an meine eigene Welt anpasst habe, in diesem Rahmen stört es mich weniger. Kurzum, ich werde alle diese Romane verschlingen, sobald ich dazu Zeit habe…

Bruno: Wir dürfen nicht "Zurück in die Zukunft" vergessen, welches ein Vorbild für dieses Genre bleibt. Die beiden ersten waren äußerst komisch und gut gemacht!

Kris: Aber ja, das stimmt! Die hatte ich mir dann auch angesehen…)

Kris, anscheinend ist das eines deiner ersten Szenarien. Warum hast du so lange damit gewartet?

Kris:Wie ich schon gesagt habe, ist das ein Projekt, bei dem es viel Auf und Ab gab. Daher ist diese Wartezeit nicht wirklich nur mir geschuldet. Ich habe keine allzu große Lust, die ganze Geschichte dieser Probleme wieder durchzukauen, aber insgesamt haben sich fünf Zeichner mit wechselhaftem Erfolg daran abgemüht, drei Verlagsleiter sind aufeinander gefolgt. Zwischendurch wurde Dupuis zurückgekauft, ich selbst hatte es achtzehn Monate lang auf Eis gelegt, weil ich mit anderem zu beschäftigt war, usw. Am Ende bleiben aber keinerlei Feindseligkeiten oder echte Frustration zurück, weder von meiner Seite, noch glaube ich seitens der Personen, die dieses Projekt eine Zeit lang begleitet haben, bevor sie es verlassen mussten. Es ist einfach so, dass die Schaffung eines Werks kein langer ruhiger Fluss ist, manchmal ist er sogar ziemlich unruhig! Aber im Grunde ist das Wichtigste, dass ich immer daran geglaubt habe. Ich war sicher, dass diese Geschichte die Mühe wert war und dass ich es schaffen würde, das Projekt erfolgreich zu beenden. Und… wir werden ja sehen! Ich hatte das Glück, dass die meisten meiner Erzählungen eine relativ lange Entstehungszeit benötigt haben (Vier Jahre für "Un homme est mort", drei für "Notre mère la Guerre", ebenfalls 4 bis 5 Jahre für "Svoboda", etc.) und am Ende hat diese lange Schaffenszeit dem Projekt immer gut getan, insbesondere, um den idealen Zeichner dafür zu finden. Kurz gesagt, war ich am Schluss zwar ungeduldig aber nicht beunruhigt. Und heute bin ich umso glücklicher, dass ich so lange gewartet habe!

Wie haben die Erfahrungen, die du seitdem erworben hast, die Geschichte, das Drehbuch etc. verändert, oder auch nicht?

Kris: Wenn mich die "Erfahrung" eines gelehrt hat, dann, dass, wenn der Zeichner nicht völlig an dein Drehbuch glaubt, man dies am Schluss einfach spürt, weil er es ist, der den Stift in der Hand hält. Daher nützt es überhaupt nichts, ihn mit aller Gewalt zu zwingen, sich peinlich genau an die geschriebene Vision zu halten, in der alles von Vornherein bestimmt ist, ohne jegliche Möglichkeit, sie an seine Zeichnungen anzupassen, sie weiterzuentwickeln. Ich glaube fest daran, dass es immer eine bestimmte Anzahl von unterschiedlichen Wegen gibt, um dasselbe zu erzählen. Aber dass es für den Zeichner viel schwieriger ist, seine Zeichnungen anzupassen oder seinen Stil zu ändern. Kurz gesagt schreibe ich niemals ein Drehbuch, ohne zu wissen, für wen ich es schreibe. Nun, im Fall der Zeitbrigade besitzt Bruno einen Zeichenstil, bei dem ich wirklich den humorvollen Aspekt von Situationen und Personen herausarbeiten kann. Dies war bei den anderen Autoren, mit denen ich vorher zusammengearbeitet habe, weniger der Fall. Während das Fundament also zu Beginn mehr oder weniger das gleiche war, habe ich doch für Bruno die Drehbücher, welche bereits fertiggestellt waren, in großen Teilen neu geschrieben. Und davon abgesehen hat Bruno natürlich auch seine "Übersetzungsfreiheiten", und die echte Schlussarbeit machen wir gemeinsam anhand des Storyboards.

Bruno: Es ist schon beschwerlich, an einen Zeichner zu geraten, der das gesamte Drehbuch ändert, Dialoge hinzufügt, und zu allem seinen Senf dazugibt. Aber Kris ist sehr geduldig, und mir gegenüber sehr aufgeschlossen. Naja, angesichts der Panels, die ich für ihn zeichnen soll, muss er schon ein wenig nett zu mir sein :)

Wer von euch beiden kümmert sich um die Dokumentation?

Bruno: Beide. Kris liefert mir die Dokumentation, die er während seinen Nachforschungen zusammenträgt und ich vervollständige es dann mit Bibliotheken, Museen und dem Internet. Das Marinemuseum von Lissabon hat mir mit einer sehr schönen Modellsammlung sehr geholfen. Ich habe mir auch "1492" von Ridley Scott angeschaut, aber leider beginnt die Szene mit der Universität von Salamanca mit der Nahaufnahme von einer Fassade aus dem 16. Jahrhundert und endet in einer gothischen Kathedrale aus dem 17. Ich habe daraus geschlossen, dass bei "Alien" viel besser recherchiert wurde und habe mich mit Buchdrucken aus dieser Zeit beschäftigt. Gut, ich wusste, dass es Dutzende von Kolumbus Karavellen mit unterschiedlichem Aussehen gibt, Nachbauten, die nichts miteinander gemein hatten, d.h. dass bei bestimmten Einzelheiten die eigene Phantasie gefragt ist. Das gleiche gilt für Porträts von Kolumbus und von anderen Mitgliedern der Mannschaft, die meistens Phantasiegebilde sind, ebenso wie ein Teil der Biographien über sie. Die Historiker tun sich schwer, sich zu einigen, und das lässt uns einen gewissen Handlungsspielraum.

Bruno, wo wir gerade von der Materialsammlung sprechen, hat dir die Aussicht, bei jeder Episode die Epoche zu wechseln, keine Angst gemacht, bevor du dich auf die Serie eingelassen hast?

Bruno: Ganz im Gegenteil! Das war zweifellos das, was mich an diesem Projekt am meisten gelockt hat. Die Vorstellung, dutzende Alben der gleichen Serie im immer selben Universum zeichnen zu müssen, macht mir Angst. Die Tatsache, dass sich die Epoche nach jedem zweiten Album ändert, ist ein echter Glücksfall, auch wenn es Stunden mehr an Rechercheaufwand bedeutet, weil ich dabei einen Haufen Dinge lernen muss, und weil ich nicht immer das gleiche Ambiente, die gleiche Kleidung usw. zeichnen muss… Ich werde sowohl von einer langen (ich hoffe sogar sehr langen) Serie profitieren und nach und nach meine Figuren beherrschen, sie weiterentwickeln und ihre Zeichnungen perfektionieren aber auch einen Haufen Nebenfiguren einführen, die Kleidung ändern, Autos, Flugzeuge, Raketen oder Schlittenhunde zeichnen, auch Gebäude oder Pyramiden. Kris und ich können vom Western bis zur Eroberung des Weltraums, von der Antike bis zu den Samurais gehen, es ist eigentlich zu viel! Na ja, angesichts der Arbeit, die das darstellt, werde ich wohl bestimmt schnell altern, aber dank der Neugierde, die das verlangt, kann ich dennoch jung bleiben!

Kris: Könnt ihr euch das Glück für einen Szenaristen wie mich vorstellen? Ich mag ebenfalls die gesamte Geschichte, bei jeder Periode kann es faszinierend sein, sie zu durchstöbern und sie zu beschreiben und Science Fiction bringt mich einfach zum Träumen. Aber einen passenden Co-Autor zu finden, besonders zeichnerisch, ist eine ganz andere Sache. Ganz ehrlich, die gibt es nicht zuhauf. Daher ist es ein unbeschreibliches Glück, an die nächsten Erzählungen zu denken, weil es keinen Hemmschuh gibt und nichts unmöglich ist. Wenigstens ist es für Bruno endlich die Gelegenheit, dem 19. Jahrhundert zu entkommen… (lacht) (Kochka, Butch Cassidy, Le Père Goriot...)

Bruno: Das ist gar nicht so falsch. Ich mag das 19. Jahrhundert sehr, ich weiß nicht warum, aber es ist eine Epoche, die mir genauso historisch wie graphisch gefällt. Der Schnitt der Kleidung, die Mischung aus Industrialisierung und bäuerlicher Einfachheit. Wahrscheinlich ein früheres Leben, das ich schlecht verdaut habe… Gut, aber mit "Harlem" habe ich New York in den 70ern gezeichnet und mit "Je suis PAS petite!!!" (Ich bin NICHT klein!!!) die tägliche Realität. Aber der Hinweis auf Kochka ist amüsant, weil die Idee, die Brémaud und ich damals hatten, gar nicht so weit weg war: Kochka war der Name einer Katze, und wie jeder weiß hat eine Katze neun Leben. Wir hatten also die Absicht, sie in jedem zweiten Album in verschiedenen Epochen wieder auferstehen zu lassen… Auch deswegen ist es nicht seltsam, dass mir Kris Projekt so gefallen hat!

Ein hundertprozentig männliches Agentenpaar, das ist etwas Anderes als die üblichen Duos im Science Fiction Genre (Valerian und Veronique, Orbital, …). Wart ihr nicht versucht, eine weibliche Person einzuführen?

Bruno: Es gibt eine Frau. Es gibt immer eine Frau. Nichts ist besser als eine kleine Dreiecksbeziehung, um die Dinge ein wenig lebendiger zu machen. Der ternäre Takt hat mehr vom Jazz. Und außerdem mussten wir Daggy und Stuart Gründe geben, sich eine runter zu hauen.

Kris: Voilà. Man muss immer "chercher la femme"… Auch wenn wir bei unserem Heldenpaar bleiben, ist die Person der Agentin Joe, die ganz am Ende des ersten Bandes auftaucht, tatsächlich eine Figur, die sehr wohl immer wiederkehren wird. Sie wird ein wenig wie Steffani (Spirou und Fantasio) sein, aber gegenwärtiger, unser Fräulein Trudel (Gaston) dabei aber weniger schusselig, unsere Veronique, genauso schön aber mit einem üblen Charakter ausgestattet. Kurz, jemand, in den man sich unsterblich verliebt. Aber man wird peu a peu entdecken, dass es noch darüber hinausgeht: Sie wird auch unser Gewissen hinsichtlich der Geschichte sein. Sie wird manchmal unsere Figuren, und darüber hinaus unsere gedanklichen Konstruktionen im allgemeinen, unseren Widersprüchen und unserer Verantwortung gegenüberstellen. Die "Entdeckung" Amerikas ist nur aus der Sicht der Europäer eine Entdeckung. Auch wenn sie den Beginn der europäischen Vorherrschaft und des Kapitalismus auf der Erde kennzeichnet, ist es genauso der Start eines wahren Völkermords an den amerikanischen Ureinwohnern und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wird durch die Entwicklung der Sklaverei weiter beschleunigt. In diesem Sinn ist die Tatsache, dass Joe ein Mischling ist, nicht neutral… Und das kann bei jeder Epoche, die besucht wird, der Fall sein. Unter all den Szenarien, die bereits entworfen wurden, gibt es eines, welches während des Ersten Weltkriegs spielt mit dem Titel "Der Soldat Hitler muss gerettet werden"(*). Ich überlasse es euch, sich auszumalen, was sich hinter einem solchen Titel und den damit verbundenen Auswirkungen verstecken kann… Ich weiß übrigens noch nicht, ob wir das machen werden, jedenfalls nicht sofort. Aber früher oder später muss man den Mut aufbringen, sich auf ein solch "gefährliches" Terrain zu wagen. Denn Geschichte zu erzählen, bedeutet nicht nur, die Tatsachen aufzuzählen, die in Marmor graviert sind. In erster Linie geht es darum, sich Fragen über diese Tatsachen und das Treiben der Menschheit zu stellen, Hypothesen aufzustellen, sich an Antworten zu versuchen… und sich manchmal einzugestehen, dass man weniger schlau ist als zuvor…

(*)Für diejenigen, die es nicht wussten: Hitler war ein freiwilliger Soldat im Stellungskrieg der Schützengräben, wo er vier Jahre lange kämpfte, er wurde zwei Mal schwer verletzt und auf Empfehlung eines jüdischen Offiziers mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet…

War es schon ein Jungendtraum, die Fäden der Geschichte zu ziehen?

Kris: Absolut. Mein erstes Szenario habe ich mit sechs geschrieben und es war bereits eine Geschichte über eine Zeitreise (Ich schickte Harry und Platte in die Vorgeschichte, nachdem sie eine merkwürdige Maschine entdeckt hatten…) Dann, immer noch als Junge, liebte ich es, mit Spielzeugsoldaten zu spielen und dabei die Epochen zu vermischen. Ich machte so eine Art Meisterschaftskämpfe, wobei die Schlachten ausgelost wurden: Also, im Viertelfinale treffen die Gallier auf deutsche Fallschirmspringer aus dem zweiten Weltkrieg. Die Haudegen der kaiserlichen Garde werden gegen die Samurais kämpfen und dann… Ja, ich war damals schon krank im Kopf… Und diese Leidenschaft für die Geschichte ist niemals versiegt und ich habe sie in all ihren Formen praktiziert, vom Wargame bis zum Studium an der Fakultät für Geschichte, wobei ich meine Familiengeschichte entdeckt habe (die im zweiten Weltkrieg sehr bemerkenswert war, da meine Ahnen so ungefähr an jedem wichtigen Ereignis teilgenommen haben…) Und heute also… das Schreiben historischer Szenarien!

Bruno: Überhaupt nicht. Als Junge hatte ich nur eine einzige Sorge: Dass der Gute gewinnt. Und in zweiter Linie, dass das nette Mädchen sich in ihn verliebt. Das war so während der ganzen Playmobil-Phase und auch bei den Star War Figuren. Die Idee, die Fäden der Geschichte zu ziehen, kam mir erst viel später. Als ich gesehen habe, dass es die meiste Zeit der Böse ist, der gewinnt: Ich musste mir also eine List einfallen lassen. Aber gut, dafür war ich nie sonderlich begabt… Aber Zeitreisen, natürlich. Aber nicht, um die Dinge zu ändern, ich habe keinerlei Lust, irgendetwas neu zu gestalten, ich bin angesichts dessen, was in der Geschichte gut und was böse ist, viel zu ratlos. Aber sich auf die Terrasse einer Taverne zu setzen, vor allem im Mittelalter, und die Leute zu beobachten, die schimmernde Stimmung vor der öffentlichen Beleuchtung einzufangen, die Gegenwart von Tieren inmitten dem Leben der Menschen, das schon.

Wie wählt ihr die "historischen Abweichungen" aus?

Kris: Offensichtlich gibt es unendlich viele mögliche Erzählungen. Aber für den Serienstart brauchten wir ein Ereignis, eine Persönlichkeit, ein Zeitalter, mit der das größtmögliche Publikum sofort zurecht kommt. Einfach deswegen, weil wir schon das ganze Universum der Zeitbrigade einführen mussten. Also gab es selbst in zwei Alben keinen Platz, um auch noch einen unbekannten Kontext vorzustellen. Außerdem musste die dargestellte Abweichung spektakulär genug sein, damit man auch sofort versteht, welche enormen Auswirkungen dies auf die Geschichte haben würde. Schließlich brauchte es ein Thema, welches für Abenteuer und einen Umgebungswechsel wie gemacht ist. Aus all diesen Gründen hat sich Kolumbus sehr schnell aufgedrängt. Diese Kriterien werden für die ersten zwei, drei Erzählungen dieselben sein, allerdings mit anderen Einschränkungen: Den Spaß und damit die Zusammenhänge zu variieren. Daher werden wir danach nicht ins Mittelalter gehen, da es zu nahe am ersten Zweiteiler ist, auch nicht in die Antike, wo die Azteken ebenfalls "ästhetische" Nachbarn sind. Und schließlich geht es darum, die Abweichung zu finden, die die interessantesten Auswirkungen nach sich zieht… Und die maximale Freude am Szenario und an den Zeichnungen!

Bruno: Eben. Ich verfolge Kris mit meinem Verlangen, das eine oder andere zu zeichnen, ich bombardiere ihn mit E-Mails, und wenn er sich widersetzt besudele ich seine Pinwand bei einem wohlbekannten Netzwerk. In der Regel gibt er dann nach einer Weile auf.

Habt ihr eine klare Vorstellung davon, wie viele Zweiteiler ihr machen wollt?

Kris: Aber ja doch, natürlich! Ha! Ha! Ha! Glaubt ihr denn wirklich, dass man sich auf ein solches Abenteuer einlässt, ohne genau zu wissen, wohin die Reise geht? Aber, mein armer Freund, verpflichte dich einfach bei der Zeitbrigade und du wirst es schon verstehen! Habt ihr das gehört, Jungs? Er fragt uns, ob wir wissen, was wir tun?! Ha! Ha! Ha! Diese Journalisten… Das erinnert mich an Saigon, 1969, eine Abweichung B12. Dort hat man sich schon eine Zeit lang fragen können, ob der Führungsstab eigentlich wusste, was er da tat! Aber selbst dann als alles verloren schien, plötzlich, in einem blendenden Blitzstrahl, Zehntausende…

Bruno: … Mindestens.

Kris: Eben. Und Peng. Alles war klar.

Das Interview wurde geführt von Laurent Gianati

Wir bedanken uns für die freundliche Abdruckerlaubnis bei bdgest.

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