Zeichner HIMMEL IN TRÜMMERN

KD: Hallo Olivier, wie bist du bei den Comics gelandet? Hast du einen Studiengang in Graphik besucht?

Olivier Dauger: Ich habe schon immer gerne gezeichnet und deswegen war es ganz natürlich, dass ich graphische Kunst studiert habe. Ich bin Illustrator geworden und es war erst am Anfang dieses Jahrtausends, dass ich Lust darauf bekommen hatte, einen Comic zu machen.

PK: Was war der Auslöser dafür „Himmel in Trümmern“ zu machen? Die Bestellung eines Verlags, ein Treffen mit Philippe Pinard (dem Szenaristen von Himmel in Trümmern) oder deine Fantasie?

Olivier Dauger: Philippe war die Ursache für dieses Projekt. Er hatte diese Geschichte schon lange geschrieben, bevor wir uns getroffen hatten. Er hatte sich schon immer für die ersten Düsenflugzeuge interessiert.

PK: Hattest du schon vorher mit Philippe gearbeitet?

Olivier Dauger: Als Illustrator arbeitete ich gelegentlich mit ihm beim Magazin Motomag zusammen, wo er Journalist war. Eines Tages ist uns klar geworden, dass wir beide Comics und Kampfflugzeuge mögen. An diesem Tag hat Philippe das Szenario von Himmel in Trümmern aus seiner Schublade gezogen. Es wird noch einige Zeit brauchen, bis der letzte Band veröffentlicht ist. Der fünfte und abschließende Band ist im Juli 2012 in Frankreich erschienen (Anm.d. Übersetzers)

PK: Arbeitet Philippe allein am Szenario und schickt dir dann das Exposee? Bleibt also jeder Herr seines Fachgebiets oder gibt jeder seinen „Senf“ zum Gebiet des anderen dazu?

Olivier Dauger: Philippe arbeitet alleine am Szenario, das er mir seitenweise in Form eines Drehbuchs zuschickt, welches die Handlung beschreibt. Manchmal ändere ich das Drehbuch, besonders dann, wenn es mir an Platz fehlt oder wenn ich meine, dass gewissen Passagen mehr Bedeutung zugemessen werden sollte. Er seinerseits mischt sich manchmal ein, wenn ich sein Szenario falsch interpretiert habe, um ein Bild zu ändern.

PK: Glaubst du wie Jean-Michel Charlier (Der Rote Korsar, Buck Danny, Blueberry), dass sich ein Comic mit einem guten Szenario nur in mehreren Alben machen lässt?

Olivier Dauger: Ich denke nicht. Selbst wenn es wahr ist, dass 46 Seiten wenig sind, um eine Handlung zu entwickeln oder um sich näher mit dem Charakter der verschiedenen Figuren zu beschäftigen. Aber manchmal hat man aus Kostengründen keine Wahl. Wir haben das Glück, dass wir dank des Vertrauens unseres Herausgebers und der Treue unserer Leser Himmel in Trümmern in fünf Bänden entwickeln konnten. Gesamtauflage in Frankreich: über 80:000 Exemplare (Anm.d. Übersetzers)

PK: Wenn man zu zeichnen anfängt, entwickelt man seinen eigenen Stil. Heißt das, man zeichnet wie es eben kommt, oder ist man von einer Strömung beeinflusst, der man mehr oder weniger folgt?

Olivier Dauger: Ich persönlich zeichne wie es kommt, aber mein „Stil“ rührt zwangsläufig von meiner Vorliebe für bestimmte klassische Zeichner wie E.P. Jacobs, Jaques Martin, Victor Hubinon und anderen mehr...

PK: Kolorierst du lieber am Computer oder färbst du traditionell ein?

Olivier Dauger: Die vier ersten Bände wurden mit einer Graphikpalette eingefärbt. Band 5, an dem ich gerade arbeite, auf traditionelle Weise mit Feder und Pinsel. Die Farbgebung am Computer liegt mir, unter der Bedingung, dass man auf den Gebrauch von Digitaleffekten so weit wie möglich verzichtet. Sie haben nämlich oft den Nachteil, dass es ihnen wegen ihres zu perfekten Aussehens an Wärme fehlt.

PK: In manchen alten Comics wie Blake und Mortimer fertigte Jacobs ab und zu ganzseitige Zeichnungen an. Was hältst du von diesen großformatigen Bildern? In Band 4 hast du die Größe der Panels im Vergleich zu Band 1 verringert. Warum?

Oliver Dauger: Dass Jacobs oder Hergé darauf zurückgegriffen haben, war eine Frage der Seitennummerierung. Sie scheinen mir für den Ablauf der Erzählung nicht besonders interessant zu sein. Aber es sind schöne Illustrationen! Wir haben in der Tat im Band 2 die Panels verkleinert, um mehr von ihnen ins Album zu bekommen und so die Erzählung zu verdichten.

PK: Wir kennen alle die Berichte von Veteranen wie Adolf Galland „Die Ersten und die Letzten“, H.U. Rudel „Pilot der Stukas“, Peter Henn „Die letzte Salve“ usw.. Wurdest du von diesen verschiedenen Berichten inspiriert, hattest du zu anderen Manuskripten Zugang?

Olivier Dauger: Aber nein, selbst wenn ich die Bücher dieser Piloten gelesen hätte. Aber Philippe schon.

PK: Hast du ehemalige Veteranen der Luftwaffe getroffen?

Olivier Dauger: Nein, niemals, und die sowie schon geringe Wahrscheinlichkeit dafür nimmt rapide ab!! Und außerdem spreche ich kein einziges Wort deutsch!! (lacht!!)

PK: Wenn man eine Geschichte mit einem Luftwaffenpiloten als Helden macht, hat man da nicht die Tendenz, etwas „hinzuzufügen“, um alles Polemische zu vermeiden und so die Geschichte zu verfälschen? Findest du, dass jede Erzählung, jedes Zeugnis, jeder Comic usw..., bei dem es um einen Soldaten der Wehrmacht oder einen Piloten der Luftwaffe geht, von einer „Gewissensprüfung“ begleitet sein sollte?

Olivier Dauger: Es gibt bei den Geschichten, die deutsche Soldaten in Szene setzen, in der Tat oft eine Gewissensprüfung. Ich glaube jetzt nicht, dass das nur deswegen da ist, um jedwede Polemik zu vermeiden. Es beleuchtet ebenfalls die damaligen Gesinnungen, wie man sich für sein Land eingesetzt hat, die Absurdität des Krieges und die Schreckensflut, die ihn begleitet. Es macht die Geschichte glaubhaft, weil es sie in gewisser Weise menschlicher macht.

PK: Das Thema siedelt die Geschichte am Ende des Kriegs an, war das Absicht?

Olivier Dauger: Die ersten Me 262 traten Ende 44 in Aktion, wir hatten also keine allzu große Wahl. Und außerdem war es sehr interessant, den Niedergang des Reichs und besonders seiner Luftfahrt zu zeigen, trotz ihres offensichtlichen technologischen Vorsprungs.

PK: Habt ihr andere Berichte von Bomber- oder Jägerpiloten der Alliierten bekommen können wie in „Le grand cirque“ von Pierre Closterman (dt. „Die große Arena“), um eine globalere Sicht auf die Luftkämpfe zu kriegen und insbesondere Anekdoten über Kämpfe gegen die Me 262?

Olivier Dauger: Ich habe in der Tat Pilotenberichte der 8. Air Force gelesen. Ich erinnere daran, dass 50 000 Angehörige im zweiten Weltkrieg gestorben sind. Ich wäre nicht gerne an ihrer Stelle gewesen! Eine 262, die ihre 30 mm Granaten auf eine B17 abschießt, zerhackt sie buchstäblich!!

P.K. Habt ihr euch für den Aufbau der Szenen eurer Geschichte auf Bücher wie „Der Brand“ von Jörg Friedrich gestützt, das die schrecklichen Bombardements auf Deutschland und den technischen Aspekt (Feuertornados, Zivilverteidigung, Zeugenaussagen etc.) beschreibt oder „La grande débâcle“ von Jaques de Launay, welches den Exodus der deutschen Zivilbevölkerung darlegt, die vor der Roten Armee fliehen, so wie man es im vierten Band sehen kann?

Olivier Dauger: Da muss man Philippe fragen.

PK: Benötigen die Luftkampfszenen viel Recherche? Zum Beispiel die Kampfszene aus Band 4 mit den beiden Me 262 gegen die beiden P-47?

Olivier Dauger: Ich weiß nicht, wo Philippe diese Anekdote gefunden hat. Aber sie ist wahr.

PK: Ihr habt in das Szenario ein „fantastisches“ Element eingeführt. Was war der Grund für diesen Zusatz?

Olivier Dauger: Auch darauf könnte Philippe wieder besser antworten als ich. Fisto ist nicht wirklich ein fantastisches Element, sondern das Abbild von Nikolaus‘ Gewissen. Das ist ein wesentlicher Aspekt der Geschichte, selbst wenn es mehr als nur einen Leser verwirren könnte.

PK: Himmel in Trümmern ist wie ein Roman geschrieben. Würdest du eines Tages gerne ein „historisches“ Comicalbum machen, welches wie bei Dimitri (Kamikaze, Kursk, Kaleunt (dt. Auf Feindfahrt), Sous le pavillon du Tsar (dt. Unter der Flagge des Zaren), Raspoutitsa…) eine ernstere Herangehensweise hat?

Olivier Dauger: Was in meinen Augen interessant ist, sind die Personen. Der geschichtliche Hintergrund ist zweitrangig... also glaube ich nicht, dass ich mich eines Tages in „reine Geschichte“ stürzen werde.

PK: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Himmel in Trümmern!

Olivier Dauger: Danke ☺


Vielen Dank an David Desgardin für die freundliche Abdruckerlaubnis

Interessierte Leser, die des französischen mächtig sind, finden auf seiner Webseite http://www.leslufteaux.com viele weitere Informationen über die deutsche und französische Luftwaffe.

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